Nur vom Feinsten beim Bettelorden
Die Reichenhaller kennen sich in der Welt der Sterne-Hotels aus. Als Kontrastprogramm wählten sie für ihr Frühjahrsseminar das Kloster Kreuzberg – und fühlten sich himmlisch.
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Meister der Wirtschaft: Bruder Johannes Matthias im Kloster Kreuzberg |
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An einem normalen Tag vertelefoniert Christian Lassner eine ganze Akkuladung mit seinem Handy. Aber jetzt ist kein normaler Tag. Sein Mobiltelefon bleibt stumm. 1,50 Meter dicke Klostermauern halten die Funkwellen fern. Er steht auf, geht mit seinem Handy in den Wintergarten und schaut, ob sich etwas getan hat. Dort ist der Empfang besser. Die Macht der Gewohnheit.
Genau davon versuchten sich die Ehemaligen der Reichenhaller Hotelfachschule während ihres Frühjahrsseminars zu verabschieden. Sie wollten wissen, was mit ihnen passiert, wenn sie sich in ein Kloster zurückziehen. Nur noch vier Franziskaner-Brüder leben auf dem Kreuzberg in der Rhön. Einer von ihnen, Bruder Johannes Matthias, ist ein Ex-Reichenhaller. Statt mit Sternen führt er Herberge, Gaststätte und Brauerei mit Gottes Segen. Und das ziemlich erfolgreich. An einem
guten Tag kommen bis zu 7000 Pilger, die sich am Klosterbier und an deftigen Speisen laben.
Rund 3000 Hektoliter der Jahresproduktion von 8500 Hektoliter gehen in seiner Wirtschaft über den Tresen. „Wenn das ein ganz normaler Gastronomie-Betrieb mit Hotel wäre, käme kein Mensch hier in diese Einsamkeit auf den Berg“, sagen sich die Reichenhaller.
Aber das Mystische des Klosters zieht die Massen magisch an. Allerdings bevorzugen nicht wenige der zahlreichen Besucher ihre eigene morgendliche Andacht beim Bier. Man könnte neidisch werden auf den Erfolg der göttlichen Wirtschaft. Dabei handelt es sich bei den Franziskanern um einen Bettelorden.
Johannes Matthias trägt eine Armani-Brille, einen Ohrstecker und manchmal spielt er mit den langen Enden der weißen Kordel, die seine braune Kutte hält. Dann schwingt er die Schnur wie ein Lasso. Während er den Gästen seine Kirche zeigt, reibt er sich die Hände. Ist ihm kalt? „Nein, wahrscheinlich freue ich mich darüber, was ich an den Reichenhallern verdiene“, sagt er und lacht.
Vorstandsvorsitzende Eva-Maria Rühle hat vor sich auf dem Tisch zwei Mobiltelefone liegen. Ab und zu nimmt sie eines von beiden in die Hand. Sie bewundert den Klosterbruder für seine Ausstrahlung und sagt: „Er ist überhaupt nicht freundlich.“ Sie meint damit diese professionelle Nettigkeit, die im Gastgewerbe oftmals dazu gehört wie die Kutte zum Mönch. Und die kann ziemlich anstrengend sein. Bruder Johannes Matthias dagegen dürfe ernst dreinblickend durch die Hallen wandeln, ohne jemanden grüßen zu müssen. „Das ist der Trumpf seines Backgrounds“, so Gregor Lemke. Der Bruder ist ein humorvoller Mensch, andererseits begegnen ihm viele mit einer gewissen Ehrfurcht. Seine Mitarbeiter funktionieren wie am Schnürchen. „Wenn in den drei Tagen mit den Reichenhallern etwas schief geht, reiße ich dir den Kopf ab“, hat Bruder Johannes seinen jungen Mitarbeiter am Buffet gewarnt. Er genießt seine Autorität, kann aber ebenso schnell wieder in die Rolle des gütigen Zuhörers schlüpfen. „Ich lebe meine Gefühle aus und bin auch mal laut“, sagt der Geistliche.
Die Reichenhaller genießen diese Authentizität, fernab von künstlichen Fassaden und sonstigem oberflächlichen Gehabe. Das bedeutet aber nicht, dass sie während ihrer Zeit auf dem Kreuzberg völlig einsam und asketisch leben. Im Gegenteil. Der Cappuccino wird sogar mit schönem Milchschaum serviert. Doch selbst wenn der Kaffee besser ist als in
manchem Hotel gehobener Kategorie: Die Unterkünfte und die Gaststube sind einfach gehalten. Das Fehlen jeder Art dessen, was üblicherweise als dekorativer Luxus bezeichnet wird, soll helfen, die wesentlichen Dinge im Leben wieder schätzen zu lernen.
Auf den Tischen stehen Salz- und Pfefferstreuer von WMF, und auch die Küchenausstattung ist vom Feinsten – ganz zu schweigen von dem Bier, aus der 1731 gegründeten Brauerei. Vor einem Jahr ließ Bruder Johannes Matthias die Bänke in der Gaststube so erneuern, dass sie sich in keinem Deut von den alten unterscheiden. Die Gäste legen Wert auf Kontinuität und Tradition. Der Ordensmann sieht in diesen Ausgaben keinen Widerspruch zum Armutsgelübde. Gutes Verhandlungsgeschick und Beziehungen seien eine Sache, andererseits investiere er die Einnahmen wieder, weil er mit seinem Betrieb die Existenzen der Familien von über 50 Mitarbeitern sichere. Das Kloster sei der zweitgrößte Arbeitgeber in der näheren Umgebung. Was kann man sich von so einem Betrieb abgucken? „Wertschätzung gegenüber den Menschen, für mehr Miteinander im Betrieb“, sagt der Ex-Reichenhaller Gregor Lemke. Wie praktizierte Nächstenliebe, indem man für das Kind eines Mitarbeiters den Kindergarten bezahle. „Das sind Dinge, die kommen auch wieder zurück“, sagt Lemke. Tag eins nach dem Klosteraufenthalt. Christian Lassner ist per Handy nicht erreichbar. Sitzt er noch auf dem Kreuzberg? „Er telefoniert gerade“, sagt seine Kollegin in Salzburg. Dann ruft er zurück. Das Leben in dem Orden habe ihn stark beeindruckt. Aber der Alltag melde sich mit aller Wucht zurück. Sein E-Mail-Fach sei ziemlich voll.
Micaela Buchholz |