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Karrieren

 

Die Wissensdurstige
Eva-Maria Rühle

 
   
  Die Frau an der Spitze der Reichenhaller
Vereinigung: Eva-Maria Rühle
   
Sie hat einen Jagdschein, kann Fallschirm springen, ist Hotel- und Restaurantmeisterin. Eva-Maria Rühle lernt für ihr Leben gern. Deshalb macht sie sich im DEHOGA und als Präsidentin der Reichenhaller Vereinigung für die Ausbildung stark. Aber Kochen wird sie wohl nie können.

Das wäre ein Foto: Eine Chefin spricht am Telefon. Um sie herum wühlen drei Mitarbeiterinnen in Aktenbergen, um Ordnung zu schaffen. „Das müssten sie jetzt sehen“, sagt sie und lacht in den Hörer, weil die Szene ihrer Ansicht nach so gar nicht den Eindruck eines effektiv funktionierenden Unternehmens erweckt. Aber der Schein trügt. Die Bad Uracher Unternehmerin Eva-Maria Rühle ist erst kürzlich mit der Wirtschaftsmedaille Baden-Württemberg dekoriert worden. Eine Auszeichnung, die sie nach Worten des Wirtschaftsministers des Landes für ihre Überzeugungskraft, ihr Durchhaltevermögen und ihre Menschlichkeit erhalten hat. „Das Gesundheitszentrum Rühle ist eine der innovativsten Kur- und Gesundheitseinrichtungen in unserem Land“, sagte Minister Ernst Pfister. Die Geschäftsführende Gesellschafterin ist in mehreren Verbänden ehrenamtlich tätig: Vorsitzende des Bundesausschusses Berufsbildung im DEHOGA-Bundesverband, der Fachgruppe Berufsbildung im DEHOGA Baden-Württemberg, Mitglied des Vorstandes des Heilbäderverbandes des Landes, Präsidentin der Reichenhaller-Vereinigung...

So, als wäre sie reif für den eigenen Kurbetrieb, wirkt die 52-Jährige trotz des üppigen Arbeitspensums aber nicht. Dafür gibt es mehrere Gründe: Sie hat sich vor einigen Jahren eine Penthouse-Wohnung in einem Hotel gekauft – mit Blick auf den eigenen Betrieb. Das hat Vorteile: „Ich sehe zum Beispiel, ob in der Klinik zu viel Licht brennt“. Den Haushalt in ihrem Hotel-Penthouse übernimmt sie selbst („Da bin ich zu sehr Schwäbin“), aber sie kann jederzeit von unterwegs an der Rezeption anrufen und überprüfen lassen, ob sie das Bügeleisen angelassen hat. „Meine Mutter wohnt in einem Haus. Hätte ich auch eines, ich wüsste gar nicht, wie ich alles schaffen und mich darum kümmern sollte“, sagt sie. Auch ein eigenes Familienleben wäre schwer zu bewältigen und war von ihr nicht vorgesehen.

Um Strafzettel und anderen zeitraubenden Alltagskram kümmert sich eine Sekretärin in der Firma. Vom Hotel aus ist Eva-Maria Rühle zu Fuß in zweieinhalb Minuten im Gesundheitszentrum. Trotzdem nimmt sie meistens das Auto, weil sie für die Strecke eine Dreiviertelstunde brauchen würde: Schließlich spazieren dort die Kurgäste, die gern ein Schwätzchen halten wollen. Dafür sei aber später in der Klinik noch Zeit.
Drei bis vier Tage in der Woche ist sie im Betrieb. Die 100 Mitarbeiter in Bad Urach seien ein tolles Team, ihr Stellvertreter so fit, dass das Unternehmen auch ohne sie laufen könne. Bis Mitte des Jahres ist sie Chefin der Gesundheits- und Rehaklinik Quellenhof in Bad Sassendorf.

Dann gibt sie die Leitung ab. Die Verantwortung für die 200 Mitarbeiter sei ihr „in einer Branche, die stark von politischen Entscheidungen abhängig ist“, zu groß geworden. Außerdem wollte Rühle nicht mehr alle zwei Wochen fünf Stunden unterwegs und nirgends richtig zu Hause sein. Kochen kann sie nicht, dafür aber Wildschweine erlegen

Denn eigentlich fühlt sich die Schwäbin der Alblandschaft sehr verbunden. Dort ist sie geboren und kennt sich in Wald und Flur aus. Schließlich hat sie eine eigene Jagdpacht. Den Jagdschein wollte Rühle aus reiner Lust am Lernen machen. Die Titel als Restaurant- und Hotelmeister hatte sie ja schon. Kochen kann und will sie nicht, deshalb hat sie
immer die Finger von der Koch-Ausbildung gelassen. Lieber schießt die Hobbyjägerin einen Keiler, zerlegt ihn fachgerecht und übergibt die Stücke dann in die Obhut eines Küchenprofis, der etwas Feines daraus brutzeln soll. Als der Jagdschein abgehakt war, machte sie sich an die Zertifizierung ihres Betriebes und ist nun stolze Besitzerin einer Urkunde für die Qualitätsnorm Iso 9000:2001. Eine mehr als knifflige Angelegenheit–
für Rühle gerade die richtige Entspannungsübung.

Am Wochenende schließt sie sich in ihrem Büro im Hotel ein, denkt sich neue Strategien aus oder bereitet Gespräche mit den Krankenkassen vor. Klar, es geht immer um Ärzte und Patienten. Doch die Frau an der Spitze ist nunmal aus dem Gastgewerbe und vermeidet sterile Klinikatmosphäre. Die Gäste sollen sich vor allem wohlfühlen. Zusammen mit medizinischer Therapie wird daraus Medical Wellness für selbstzahlende Gesundheitstouristen. Eine lukrative Sache.

Ihr neuestes Projekt: In drei Jahren soll an der Klinik ausschließlich mit regionalen Produkten gearbeitet werden – und das nicht nur in der Küche. Im angrenzenden Naturschutzgebiet wachsen 30 anerkannte Heilkräuter. Bald sind Kräuterwanderungen oder Wannenbäder mit heimischem Wacholderöl im Angebot. Ihren Unternehmergeist hat die engagierte Frau offenbar von ihrem Vater geerbt. Ein umtriebiger Kaufmann, Leiter eines Großschlachthofes und Entdecker der Bad Uracher Heilquelle, nach der er auf private Kosten bohren ließ. Geologie war sein Hobby, und aufgrund der lokalen Gegebenheiten war er sicher, vor Ort auf Quellen zu stoßen. Das Interesse der Tochter für Gastronomie weckte ein Schulfreund. Seine Eltern hatten einen Gasthof in Metzingen, wo Eva-Maria in ihrer Freizeit begeistert aushalf. Ihre Mutter schüttelte nur den Kopf, als sie ihren Berufswunsch eröffnete: „Du hast doch keinen Spaß am Haushalt, und die Gastronomie ist doch nichts anderes.“ Um ihr das klar zu machen, schickten die Eltern ihre Tochter mit 17 Jahren auf die Hotelfachschule in Bad Reichenhall. Inzwischen ist sie Präsidentin der Ehemaligen-Vereinigung. Erfolgreiche Abschreckungsmethoden sehen anders aus.

Micaela Buchholz
www.gesundheitszentrumschwaebischealb.de

 
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