Der Tag nimmt kein Ende
Sechs Monate? Ein Abenteuer. Sechs Jahre? Lagerkoller in Sicht. Lebenslänglich auf See? Für zwei Ex-Reichenhaller unvorstellbar. Wer auf einem Kreuzfahrtschiff arbeitet, lebt in einem goldenen Käfig – allerdings mit besten Aussichten.
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Länder, Menschen, Abenteuer: Wer auf einem Kreuzfahrtschiff arbeitet, erlebt gelegentlich
eisige Zeiten. Daran erinnert sich Jörg-André Pötschke (l.) gern |
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Kreuzfahrten gelten als der Boommarkt schlechthin. Das elitäre Image von Schiffsreisen für vermögende Rentner bröckelt. Inzwischen werden die Jüngeren als Zielgruppe angepeilt: mit „Freestyle Cruising“ ohne strenge Kleiderordnung und übermäßigem Benimm. Jedes Jahr stechen immer größere schwimmende Hotels in See für Tausende von Gästen und mit Freizeitangeboten, die das Schiff zum eigentlichen Ziel des Urlaubs machen – und nicht unbedingt die Häfen. Der neue Trend bringt viele Jobs an Bord mit sich. Wie arbeitet es sich auf einem Traumschiff? Die Teller fliegen wie Frisbeescheiben durch den Saal. Untergangsstimmung breitet sich aus. Jörg-André Pötschke sieht die Todesangst in den Gesichtern der Passagiere. Das Meer tobt. Ein Orkan vor Grönland ist kein Sturm im Wasserglas. „Das Traumschiff ist eine einzige Lüge. Es ist nicht so lustig und nett. Auf solchen Reisen geht nicht alles glatt“, sagt der 34-Jährige. In sechs Jahren reiste er über alle Meer dieser Welt. „Ich muss ganz selbstkritisch sagen: Am Ende war ich nicht mehr so belastbar wie am Anfang“, gibt der Ex-Reichenhaller zu. Das dicke Fell war nicht mehr da, der Geduldsfaden riss schneller.
Manche Kollegen, die sehr lange zur See fahren, seien ungenießbar. Ist ja auch nicht einfach, bei jeder noch so absurden Beschwerde immer freundlich zu reagieren und in Gegenwart des Gastes immer auszusehen wie aus dem Ei gepellt. Auch wenn er eigentlich frei hatte, blieb er Ansprechpartner für die Passagiere. Der Tag hatte nie ein Ende. Nach sechs Jahren war Pötschke der „Zuckerwatte-Urlaubswelt“ überdrüssig geworden: „Man verliert den Bezug zur Realität.“ Kein Einkaufen im Discounter, nie im Stau stehen, kein Streit um die Hausarbeit. Wer immer nur Kuchen isst, dem wird schlecht. „Ich lernte schnell, vor vielen Menschen zu agieren“ Auf der anderen Seite: Der Mann hat sich durchgebissen. Der Job hat ihn belastbar, flexibel und entscheidungsfreudig gemacht. Tugenden, derer sich viele gerne in Bewerbungen rühmen. Bei Pötschke spricht die lange Zeit auf See für Tatsachen. Missen möchte er diese Erfahrung nicht. Das Abenteuer begann auf der MS Vistamar, einem spanischen Schiff unter deutscher Leitung. 300 Passagiere und 110 Männer und Frauen Besatzung. Er
wollte die Welt entdecken. Die Geschichte der Seefahrt und der Schiffstechnik faszinierten ihn. Es war zunächst ein Ferienjob.
Und auf einmal fand er sich am Ende seiner ersten Reise auf der Showbühne des Kreuzfahrtschiffes wieder, mit einem Mikro in der Hand. Er gehörte zur Reiseleitung, und die hatte gelegentlich auch an Bord für Unterhaltung zu sorgen. „Ich lernte dadurch schnell, vor vielen Menschen zu agieren. Ich hab mich danach nie davor gedrückt zu moderieren“. Die Arbeit auf einem Kreuzfahrtschiff wird zum Selbsterfahrungs-Trip. „Man lernt seine eigenen Grenzen kennen, physisch wie psychisch“, sagt der Hotelfachmann. Mit der räumlichen Enge sei er gut klargekommen: Die Kabine war zwar nur fünf bis sechs Quadratmeter groß, aber immerhin sein eigenes kleines Reich. Über Jahre blieb er der Vistamar treu, erst als Saison-Kraft, danach mit einem Jahresvertrag. Später arbeitete er zwei Jahre lang als Kreuzfahrtdirektor für eine libanesische Reederei. Die „Orient Queen“ war frisch renoviert, ein Schiff für 700 Gäste und 300 Mann Besatzung. Ein gut bezahlter Posten. Aber oft werde man in Nah- und Fernost vom Arbeitgeber nicht versichert. „Das sollte man dann über die Seekasse selbst in die Hand nehmen“, rät Pötschke. Inzwischen hat er wieder festen Boden unter den Füßen.
Der Hotelfachmann ist Stellvertretender Geschäftsführer der neuen Panorama Residenz in Bad Reichenhall. Wenn er an seine Zeit auf See zurückdenkt, fallen ihm als erstes die netten Kollegen und Expeditionsreisen ein. Als zehn Meter neben ihm ein Wal mit einer Atemwolke Dampf abließ, schwebte er auf Wolke sieben. Eine schlechte Angewohnheit habe er von Bord mitgenommen: „Ich kann ganz schlecht abschalten.“ In einem halben Jahr um die ganze Welt Dirk Haase wollte nur für eine Saison auf See und möglichst auf ein Schiff, das bis in den letzten Winkel kommt, der auf dem Wasser zu erreichen ist. „Die MS Columbus ist das einzige Kreuzfahrtschiff, das wegen seines geringen Tiefgangs
auch die großen Seen von Amerika und den Amazonas bereisen kann“, sagt der Ex-Reichenhaller. Er heuerte bei der Hapag Lloyd an und ging als Sommelier an Bord. „Es ist ein kleines Schiff mit 480 Passagieren und ein sehr angenehmes Arbeiten“, sagt Haase. Die Passagiere: gehobenes Publikum. Reiseziel: die ganze Welt. Sechs Jahre liegt das Abenteuer zurück. Damals war Dirk Haase 25 Jahre alt. Er kenne Leute, die bereits seit 15 Jahren über die See schippern, die den Absprung verpasst hätten. Viele fehle der Anker an Land, jemand, der auf sie wartet.
Sonne und Palmen? Es geht auch ohne.
Jörg-André Pötschke ist auf der MS Vistamar in kälteren Gefilden unterwegs gewesen
Haase ist längst wieder in der Heimat, hat mit seiner Freundin das Hotel am Chiemsee im Rottau übernommen. Er habe gut verdient auf dem Meer, im Monat umgerechnet etwa 600 Euro mehr als an Land, dazu gab es noch üppig Trinkgeld. „Man bezahlt keine Steuern, weil man auf Zypern gemeldet ist“, sagt der Ex-Reichenhaller. Inzwischen gebe es in der Branche oft US-Arbeitsverträge. Die hätten es in sich. Wer sich zwei bis drei Verwarnungen einhandelt, werde am nächsten Hafen abgesetzt und müsse den Rückflug selbst bezahlen. Verwarnungen gibt es zum Beipsiel fürs Zuspätkommen zur Seerettungsübung oder Rauchen in der Kabine. „Sicherheit wird großgeschrieben“, sagt Haase. Das weiß auch Daniela Fahr. Die Geschäftsführerin und Gründerin der Connect Worldwide Recruiting Agency vermittelt Personal auf Kreuzfahrtschiffe (www.connectjobs.de). „Es gibt sehr viele Anfragen, aber zu wenig Bewerber, die die Kriterien erfüllen“, sagt Fahr. Mangelnde Englischkenntnisse seien ein Sicherheitsrisiko an Bord. Manchmal fehlt es aber auch an der nötigen Berufserfahrung, oder die Kandidaten sind zu alt. Andererseits gebe es inzwischen viele verschiedene Kreuzfahrt-Konzepte mit unterschiedlichen Anforderungen an das Personal. Fahr vergleicht diese Entwicklung mit den Flugreisen. Während Stewardessen früher mehrere Fremdsprachen und bestimmte Körpermaße mitbringen mussten, dürfe bei manchen Linien inzwischen fast jeder in die Luft gehen.
Ihr sei unbegreiflich, dass immer mehr Schiffe gebaut werden. „So schnell kommt der Markt gar nicht hinterher. Nicht einmal zehn Prozent der Deutschen haben eine Kreuzfahrt gemacht.“ Andererseits: Wachstumspotenzial ist da.
Micaela Buchholz |